Stadtspaziergänge im Rahmen der Baukulturwerkstatt Mainz am Mi, den 10. Mai 2017, 14:00 – 17:30 Uhr

STADTSPAZIERGANG ALTSTADT UND OBERSTADT

Vom römischen Ursprung über die Residenzen der Kurfürsten und Erzbischöfe sowie Wirkungsstätten der Patrizier und Zünfte bis zu den Konsumtempeln der Neuzeit

Die Tour beginnt auf dem weiten Platz zwischen dem 1973 von Arne Jacobsen gebauten Rathaus und den Rheingoldhallen, die 2007 durch Dissing + Weitling erweitert wurden. Auf dem erhöhten Platzniveau verbinden sich die Blickachsen zwischen Altstadt, Dom und Flussufer. Über den Fischtorplatz und Liebfrauenplatz mit dem Gutenberg-Museum vorbei führt der Weg zum Markt. Hier versteckt sich hinter rekonstruierten Fassaden historisch inspirierter Stadthäuser seit 2008 ein Einkaufszentrum von Massimiliano Fuksas. Hinter dem Dom lädt die Augustinerstraße zum Flanieren ein. Liebliche Gassen, stattliche Kaufmannshäuser und eine barocke Kirche geben sich ein Stelldichein, welches im Hopfengarten eine stadträumliche Veränderung erfährt. Die Münchner Architekten Hild&K ergriffen hier die Chance modernen Wohnungsbau mit Stadtreparatur zu verbinden. Entstanden ist ein Torgebäude, das zwischen den unterschiedlichen Bauepochen wie auch den Straßen- und Platzverläufen vermittelt. Von hier geht es bergauf zur Zitadelle, vorbei am Römischen Theater und der Nachkriegskirche Otto Bartnings. Vom Plateau der Zitadelle öffnet sich der Blick über die Dachlandschaft zu den Domtürmen und fernen Taunusrücken im Norden sowie dem Metropolenzentrum der Rhein Main Region rund um Frankfurt im Osten. Im Kreuzgang der Pfarrkirche St. Stephan und dem durch ihre Chagall-Fenster in Blau getauchten Kirchenraum ist ein Moment der kontemplativen Stille möglich. Das kirchliche Ensemble wird seit 2012 ergänzt durch ein Pfarrheim und eine Mensa der AV1 Architekten aus Kaiserslautern. Nach der Querung der Gaustraße dort, wo die Tram den steilsten Streckenabschnitt Deutschlands überwindet, führt eine Treppenanlage zum »Dreikönigshof«. Der Gebäudekomplex von Atelier 5 Architekten rezipiert das Motiv des Kreuzgangs und gruppiert um drei innenliegende Höfe herum Büros in den Erdgeschossen und darüber liegende Eigentumswohnungen. In direkter Nachbarschaft erinnert die großmaßstäbliche Wohnanlage auf dem Kästrich nicht nur an die Postmoderne, sondern an die Zeit des römischen Heereslagers und die Anfänge der Besiedelung. Spuren, die römische Legionäre und Handelstreibende hinterlassen haben, finden sich in einem kleinen Ausgrabungsbereich. Der topografische Höhenunterschied zwischen Oberstadt und Altstadt ist am eindrücklichsten von den Kupferbergterrassen aus zu sehen. Bevor es über eine der langen Treppenanlagen zurück in die Altstadt geht, lädt die jüngst eröffnete wineBank ein, die alten Gewölbe unterhalb der Terrassen zu erkunden. Die fachgerechte Lagerung und Inszenierung herausragender Weine schlägt eine weitere Brücke zur Vergangenheit – zu Braustätten, Sektkellereien und Weinhandlungen. Im 19. Jahrhundert befand Bischof Haffner die Mainzer hätten »einen unauslöschlichen Durst und einen unersättlichen Hunger nach Plaisier«. Ob diese Aussage auch heute noch Bestand hat, dürfte im Anschluss an den Spaziergang, der am Proviantmagazin, Schillerplatz und über die Ludwigstraße am Staatstheater vorbei zum Zentrum Baukultur führt, im Rahmen des abendlichen Empfangs herauszufinden sein.

STADTSPAZIERGANG NEUSTADT UND ZOLLHAFEN

Stadtschichtungen und Stadtreparatur zwischen Altstadt, Neustadt, Nachkriegsmoderne und brachgefallenen Industrieflächen

Auch die zweite Tour beginnt auf dem weiten Platz vor dem 1973 von Arne Jacobsen gebauten Rathaus. Hier sind die Schichten der autogerechten Stadt vertikal abzulesen und in ihrer horizontalen Nutzungstrennung zu erleben. Eine Fußgängerbrücke quert die stark befahrene Rheinstraße und führt direkt ins kommerzielle Zentrum der Mainzer Altstadt. Auf einer im Krieg zerstörten Fläche wurde in den 1970ern das Brand-Einkaufzentrum errichtet, auf dessen nördlicher Seite sich ein ruhiges, etwas abgeschiedenes Quartier anschließt. Hier findet sich die Ruine der frühgotischen Pfarrkirche St. Christoph, die 1963/64 zum Mahnmal umgewidmet und bis zum 70. Jahrestag der Zerstörung um einen neu gestalteten Platz ergänzt wurde. Hinter den Landesministerien und der Grünachse entlang der Kaiserstraße findet die gründerzeitliche Stadterweiterung ihren Ausgangspunkt. Hier beginnt die Neustadt, die sich zwischen Rheinufer und Eisenbahnring erstreckt. Vom Hochhaus der Stadtwerke aus öffnet sich der Blick auf die Nachbarschaft sowie die umliegenden Stadtgebiete. Von hier lassen sich die räumlichen Zusammenhänge und stadtplanerischen Entwicklungen gut nachvollziehen.
In Ergänzung zu Dom und Christuskirche liegt mitten in der Neustadt ein weiteres repräsentatives Gotteshaus. Nach der Zerstörung der alten Synagoge während der Nazizeit wurde 2010 an gleicher Stelle die neue Synagoge eingeweiht. Nach einer knapp einstündigen Führung durch die Synagoge führt der Weg über die »grüne Brücke« Richtung Zollhafen. Ausgehend von der als Initialprojekt im alten Kesselhaus eingerichteten Kunsthalle Mainz entsteht hier ein neues, gemischt genutztes Quartier auf einem 30 Hektar großen Konversionsareal. Mit dem Umbau des alten Weinlagers sowie dem Neubau des Rheinkai 500 und weiterer Gebäude sind erste Teile der künftigen Bebauung fertiggestellt.
Zwischen den neuen Entwicklungsgebieten Zoll- und Winterhafen, die das Wohnen näher an den Fluss bringen, erstreckt sich der Freiraum am Fluss. Der neugestaltete Uferbereich zwischen Kaisertor und Brückenplatz mit Tiefgarage macht das Potential dieses besonderen Stadtraums sichtbar. Auf dem Spazierweg zurück zur Rathausterrasse und dem Zentrum Baukultur im Brückenkopf zieht noch einmal das gesamte Panorama vorüber: von der Mainzer Stadtsilhouette zu den Brücken über den Main bis zu den Taunushängen, an die sich, in einigem Abstand zum Rheinufer, die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden anschmiegt.

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